Als hinter dem Eisernen Vorhang noch Raketen in Stellung standen

Der folgende Text enthält eine Schilderung über den von den Soldaten der Flugabwehraketentruppe der Luftwaffe zwischen 1960 und 1990 geleisteten 24-Stunden-Schicht-Dienst. Rund um die Uhr haben die Soldaten der FlaRak den Luftraum über West-Deutschland gesichert und gemeinsam mit den Kameraden des Radarführungsdienstes in den CRC’s (Controll and Reporting Centers) gegen einfliegende Objekte und Militärflugzeuge geschützt.

Die damaligen Bedingungen

Eingeführt in die Bundeswehr Anfang der sechziger Jahre, dienten die Flugabwehrraketensysteme NIKE und HAWK dazu, den Luftraum über der Bundesrepublik Deutschland gegen die Luftstreitkräfte des Warschauer Paktes zu schützen.
Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zweiundfünfzig Wochen im Jahr – im stetigen Wechsel befanden sich die vier Einheiten eines Flugabwehrraketenbataillons im Bereitschaftsstatus. Eine musste im wöchentlichen Wechsel innerhalb 30-Minuten, eine innerhalb 6-Stunden und eine innerhalb 12-Stunden in der Lage sein, den ersten ihrer Lenkflugkörper im Falle eines Angriffs zu verschießen. Die vierte Batterie hatte ungefähr eine Woche Zeit und Gelegenheit, die Technik des Waffensystems gründlich zu überholen. Konnte eine der drei Einheiten den befohlenen Status wegen technischer oder auch personeller Einschränkungen nicht halten, wurde eine andere an ihrer Stelle in einen höheren Einsatzbereitschaftsstatus beordert. Diese ständige Präsenz wurde im 3- und später dann im 4-Schicht-Rhythmus mit einer ständigen hohen Belastung des Personals erkauft. Im 3-Schicht-Rhythmus befand sich das Personal der Kampfbesatzungen (KB) pro Woche so um die 100 Stunden im Dienst, war eine der KBs in Urlaub, beliefen sich die Dienststunden auf über 120 pro Woche. Der Dienst "auf Schicht" selbst war für das Waffensystempersonal ausgefüllt mit Pflege- und Wartungsarbeiten am Waffensystem sowie stets wiederkehrenden Überprüfungen des Gerätes. Es wurde Aus- und Weiterbildung betrieben, wenn möglich auch Sport gemacht. Regelmäßig wurde man gemäß seines Dienstgrades zur Wache eingeteilt, sofern nicht Kameraden des Sicherungszuges oder ziviles Wachpersonal zur Verfügung stand. Die Soldaten des Sicherungszuges sicherten in NIKE-Einheiten fast ausschließlich den Abschussbereich, dass hieß für sie ein ums andere Mal die Wachtürme zu besetzen, Streife zu laufen oder beispielsweise als Posten am Tor eingesetzt zu sein. Die Fernmelder stellten Soldaten für die Fernmelde-Relaisstelle ab, die stets mit ihrer Kampfbesatzung "auf Schicht zogen". Ansonsten gab es noch die Kameraden des Innendienstes, der Fahrbereitschaft und auch einige Soldaten mit einer Waffensystemausbildung, die ständig im Tagesdienst eingesetzt waren. Geführt wurden die Schichten von Offizieren und Portepee-Unteroffizieren. Wichtig war das Team und oberste Priorität hatte die technisch-taktische Einsatzbereitschaft.

Die Ausbildung der FlaRak-Soldaten

Der am Waffensystem ausgebildete FlaRak-Soldat wurde von der Grundausbildung weg in seine Stammeinheit versetzt. Hier arbeitete und lebte er auf einmal mit Unteroffizieren, Feldwebeln, ja sogar mit Offizieren recht eng zusammen. In seiner FlaRak-Einheit, nach unterschiedlichsten Gesichtspunkten den jeweiligen Teileinheiten zugeordnet, durchlief der, nun vom Flieger zum Kanonier umbenannte Soldat, die Ausbildung am Arbeitsplatz (AAP) zum Operator (Bediener) am Waffensystem. Bis zu drei Monate wurde die drillmäßige Herstellung der Einsatzbereitschaft und deren Überprüfung – und die Unterstützung bei den täglichen und sonstigen Überprüfungen zusammen mit den wichtigsten theoretischen Grundlagen vermittelt. Diese AAP endete mit der Prüfung, die von der schießtaktischen Prüf- und Auswertegruppe (SPAG) – einer zum Bataillonsstab gehörenden Institution – abgenommen wurde. Schriftlich, praktisch und mündlich wurde der FlaRak-Kanonier geprüft. Die Prüfung selbst genoss einen sehr hohen Stellenwert und das Ergebnis konnte schon richtungweisend für eine eventuelle Übernahme zum Soldaten auf Zeit in den Laufbahnen der Mannschaften oder Unteroffiziere mit und ohne Portepee sein. In dieser Zeit wurden den Soldaten aber nicht nur die für sie notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten für ihren Einsatz am Waffensystem beigebracht – auch der den FlaRak-Soldaten eigentümliche Waffenstolz und der sie kennzeichnende Pragmatismus wurde ihnen förmlich eingeimpft. Die Schicht, die KB ist alles! Jeder, vom Offizier bis hinunter zum Kanonier, hatte seinen Anteil an der Gesamtleistung zu erfüllen. Bedingungsloser Einsatzwillen, geprägt durch das Beispiel der erfahrenen Kameraden, denen die Grundsätze bereits in Fleisch und Blut übergegangen waren, wurde vorgelebt und sich zu eigen gemacht. Fast ausschließlich jedoch wurde man durch den sich im täglichen Dienst offenbarenden und als völlig selbstverständlich angesehenen Gruppenzwang zum erwünschten Mitmachen aus Einsicht erzogen.

Diejenigen Kameraden, die sich entschlossen hatten, sich zum Soldaten auf Zeit zu verpflichten, vertraten in besonderer Weise und für alle anderen ersichtlich, die erwünschten Tugenden des FlaRak-Soldaten. Bis zum ersten heißersehnten Lehrgang an der Raketenschule der Luftwaffe in Fort Bliss, Texas, USA, hieß es jedoch, sich möglichst viel Wissen anzueignen und gute Ergebnisse bei Überprüfungen aller Art zu erzielen. Zeit genug war vorhanden – schließlich dauerten die Schichten ja lang genug. Crew-Drill, Prüfungen am Gerät, Gerätekunde und technische Grundlagen wurden wieder und wieder – für einige "bis zum Erbrechen" geübt. Solange, bis jeder Handgriff, jedes Kommando und alle Abläufe fehlerfrei "im Schlaf" beherrscht wurden. Fehler wurden nicht toleriert. Das einzig akzeptable Ergebnis war prinzipiell das einhundertprozentige.

Der Schichtwechsel

Die Schicht begann in den meisten Einheiten um 10:00 Uhr morgens mit dem Antreten beim Batteriefeldwebel im Unterkunftsbereich und einer Vollzähligkeitskontrolle für das Schichtpersonal. Der Spieß, zuständig für den äußeren Zustand der Soldaten, prüfte Haarschnitt, Schuhputz und Anzug. Zusätzlich wurden bei dieser Parole auch wichtige Informationen bekannt gegeben. In seltenen Fällen präsentierte sich der Staffelchef oder sein Stellvertreter dem angetretenen Schichtpersonal.
Nach diesem immer gleichen Start in die Schicht verpackte jeder die mitzuführende Ausrüstung in seinen Seesack. Grundsätzlich wurde ein zusätzliches Grünzeug inklusive der Stiefel, des Parka, ein Sportanzug mit Schuhen und ein Schlafanzug mitgeführt. Auch der Gefechtshelm, die persönliche ABC-Schutzausstattung und die Wasserflasche sowie das Kochgeschirr und das Feldessbesteck durften nicht fehlen. Persönliche Utensilien wie das Waschzeug, Handtücher, etwas zum Lesen, Süßigkeiten und private Verpflegung rundeten das Reisegepäck ab.

Für das Verpacken hatte man etwa 45 Minuten Zeit. Dann hieß es aufsitzen, meist war es ein Lkw mit Holzbänken auf der Ladefläche, auf dem man Platz nahm. Erst später fuhr man bei der FlaRak in Bussen, womit ein von vielen bedauerter Niedergang der reinen Schichtkultur verbunden war, musste man sich doch auf einmal fast schon zu den "Memmen" des Innendienstes oder des Tagesdienstes zählen. Nach der Ankunft vor der Einsatzstellung hieß es absitzen und einzeln durch das Tor gehen. Kontrolliert wurde anhand der Zutrittsberechtigungsliste (ZBL), wer überhaupt zutrittsautorisiert war. Die Kontrolle und die damit verbundene Ausgabe der so genannten Badges (der zutrittsberechtigten Person schriftlich zugeordnete, durchnummerierte Sonderausweise in Ledertaschen, die ständig sichtbar getragen werden mussten) wurde so streng genommen, dass, völlig unabhängig von Dienstgrad oder Dienststellung, absolut niemand in die Stellung gelassen wurde, wenn er nicht in der ZBL stand und er sich zusätzlich nicht ausreichend legitimieren konnte. Ausnahmen konnte nur der Staffelchef autorisieren. Hatte man die Zutrittskontrolle gut überstanden, hieß es als erstes für die Crew, das Bereitschaftsgebäude zu übernehmen. Die "mit auf Schicht gezogenen" zwei Fernmelder übernahmen den Vermittlungsdienst.

Der oder die Wartungsfeldwebel – auf Neudeutsch "Maintenance-Mann" genannt – begaben sich statt ins Bereitschaftsgebäude direkt zum Waffensystem, um sich dort über den tatsächlichen Zustand des Geräts – der nicht unbedingt vom Einsatzbereitschaftsstatus abhängig war – ein möglichst exaktes Bild zu machen. Noch sich in der Bearbeitung befindliche Fehler im System wurden an die Ablösung weitergegeben, gelöste Probleme der letzten Tage besprochen, auf sich anbahnende Schwierigkeiten hingewiesen. Während der sich im Tagesdienst befindende Chief Maintenance – auch Superviser oder Technischer Offizier genannt – die Aufträge für die Schicht an den verantwortlichen Wartungsfeldwebel weitergab, wurden derweil allgemeine Vorhaben für die neue Crew von den Offizieren im sogenannten BCO-Raum besprochen. Dazu gehörten auch so beliebte Aufgaben wie das Füllen von Sandsäcken oder das Instandsetzen von Splitterschutzbauten. Inzwischen hatte einer der Portepee-Unteroffiziere der neuen Schicht zusammen mit untergebenen Kameraden die Wache im Stellungsbereich übernommen und der Sicherungszug hatte die alte gegen neue Turmbesatzungen gewechselt. Dann endlich konnte die neue Crew nach und nach das Mittagessen einnehmen, das gegen 12:00 Uhr angeliefert worden war.

Der Schichtdienst

Zu Beginn der Schicht wurden die Aufträge für die Schichtperiode vergeben. Die Techniker und ausgewählte, erfahrene Bediener (Operator) gingen ans Gerät, die Taktiker "taktierten", die Wache wachte und der Rest erledigte die Aufgaben, die auf besondere Begeisterung stießen. Zum Beispiel das Reinigen des Außenreviers oder das Aufräumen des Aufenthaltsraumes und das Spülen des benutzten Geschirrs. Meist mit einem kurzen Crew-Drill wurde der technische Zustand des Waffensystems überprüft. Danach – sofern keine Probleme auftraten, meldete man sich im befohlenen Status beim Bataillon Operation Center (BOC). War die Einsatzbereitschaft festgestellt worden, so wurden meist allgemeine Aufgaben wahrgenommen, die zumindest zu einem bestimmten Anteil im Bereich der vorbeugenden Wartung und Pflege (Preventive Maintenance – PM) angesiedelt waren. Dazu gehörte das Ausbessern des Farbanstrichs an Antennen und Kabinen (Trailer), Entrosten und Abschmieren der Rails (Schienen, auf denen die Lenkflugkörper aus den Hallen heraus und hin und her geschoben wurden), das Verbessern des Splitterschutzes mit Hilfe von Sandsäcken oder ausgedienten Munitionskisten. Ständig Wind und Wetter ausgesetzt, ergaben sich ständig aufs Neue Möglichkeiten, den äußerlichen Zustand zu verbessern. Insbesondere dem befohlenen Engagement der Legionen von Wehrpflichtigen ist es zu verdanken, dass die FlaRak-Systeme NIKE und HAWK über Jahrzehnte hinweg bis heute so gut gewartet einsatzbereit geblieben sind. Wurde PM im Wesentlichen von den Mannschaftsdienstgraden betrieben, so lag die Verantwortung für die Elektronik bei den Unteroffizieren und Feldwebeln.

Nur ein Offizier wurde in der Technik geduldet – dieser war der Chief, der Superviser, der den Dienstposten des Technischen Offiziers bekleidete. Er war neben den wenigen Berufsunteroffizieren derjenige mit der größten Erfahrung. Hinter ihm standen – auch bei persönlichen Differenzen – die gesamten Techniker wie ein Mann und demonstrierten Geschlossenheit gegenüber allen Taktikern und der Staffelführung. Der Chief – und dies war ein Ehrentitel – war oftmals die graue Eminenz der Einheit, nicht nur auf Grund seiner meist enormen Erfahrung, sondern auch wegen seines vorgerückten Dienst- und Lebensalters. Am Abend nach der Schichtübernahme wurde meist bis gegen 20:00 Uhr gearbeitet, zwischendurch wurde zu Abend gegessen. Nach 20:00 Uhr gab man sich ganz allgemein so martialischen Tätigkeiten hin wie Fernsehen, Karten spielen oder Spielen von Gesellschaftsspielen, z.B. Risiko, Dame, Schach sowie Skat und Doppelkopf. Nicht selten spielten die gleichen Soldaten über Jahre hinweg miteinander, unabhängig vom jeweiligen Dienstgrad.

Geruht wurde zum Teil in drei Betten übereinander, sofern man zu den Mannschaftsdienstgraden gehörte. Die Unteroffiziere ruhten in "Uffz-Räumen", die nicht besser ausgestattet waren, aber etwas mehr Platz bot. Der Offizier und Schichtführer schlief im sogenannten BCO-Raum, meist auf einem Sofa. Tagsüber wurde dieser Raum als Büro genutzt. Platz war sowieso Mangelware. So schliefen die zehn bis zwölf Mannschaftsdienstgrade in Räumen von etwa 25 Quadratmetern – die Unteroffiziere hatten pro Soldat etwa vier Quadratmeter zur Verfügung. Grund für diese Unterkunftssituation war die Begründung, dass während der Schicht nicht geschlafen werden durfte, um die Einsatzbereitschaft nicht zu gefährden. Aus diesem Grunde gab es nur Ruheräume, die deutlich kleiner sein durften. Um 5:00 Uhr wurde geweckt und der Tag begann mit der Körperpflege. Eine Dusche und drei Waschbecken für circa 15 bis 20 Soldaten. Je nachdem, in welchem Status die Einheit sich befand, wurde vor oder nach dem Frühstück das Waffensystem überprüft. Kam der Tagesdienst in der Einsatzstellung an, so war, außer bei Problemen mit einem Gerät, das meiste schon geschafft. Die Schicht betrieb Ausbildung, die schon erwähnten Arbeiten oder auch einmal politische Bildung. Alle fieberten dem Schichtende entgegen. Nur jetzt nicht noch eine Einsatzbereitschaftüberprüfung. So eine ORE (Operational Readiness Evaluation) konnte das Schichtende über Stunden hinauszögern. Hatte man es endlich geschafft, war der Einsatzdienst an die nächste Crew übergeben worden, so ging es in die Kaserne zurück.

Einsatzbereitschaftsüberprüfungen

Das Abschneiden bei diesen, durch ein Team des Bataillons- oder Regimentsstabs bewerteten Überprüfungen, war von sehr großer Bedeutung. Alle – vom Staffelchef bis hin zum jüngsten Mannschaftsdienstgrad – waren in vielerlei Hinsicht von den Ergebnissen abhängig. Wenn die Schießtaktische Prüf- und Auswertegruppe vor dem Tor erschien, machte sich entsprechende Erregung breit, bedeutete es doch, dass in den nächsten zwei bis vier Stunden Rechenschaft abgelegt werden musste. Rechenschaft sowohl über das persönliche Können am Waffensystem, Rechenschaft aber auch darüber, wie gut die Techniker die Einsatzbereitschaft des Waffensystems zu gewährleisten in der Lage waren. Durch den simulierten Verschuss eines oder zweier Lenkflugkörper und die nachfolgenden Überprüfungen des Systems, inwieweit dieser Abschuss erfolgreich gewesen wäre, konnte selbst die Kampfbesatzung ihr Können unter Beweis stellen. Einer, höchstens zwei Fehler pro Soldat wurden toleriert, wobei es wichtig war, dass die Summe aller Fehler nicht mehr als 12 bis 15 Fehler betrug. Was war so ein Fehler? Der Crew-Drill und die weiteren Prüfungen am Gerät, unterlagen einer genauen festgelegten Reihenfolge. Innerhalb der einzelnen Checks musste die Reihenfolge bei den Schalterstellungen, die Meterablesungen und die zu lösenden oder zu ändernden Kabelverbindungen eingehalten werden. Jede nicht autorisierte Änderung der Reihenfolge oder auch falsche oder unvollständige Meldungen waren Fehler. Bei Hunderten von Möglichkeiten, einen solchen zu begehen, waren die Anforderungen an alle eingebundenen Mitglieder der Kampfbesatzung, insgesamt nur 12 bis 15 Fehler machen zu dürfen, also entsprechend hoch.

Auch die Bewertung der technischen Einsatzbereitschaft wurde stets zum Maßstab für die Qualität der jahrein, jahraus geleisteten Arbeit der Wartungstechniker. Durch einwandfreies Funktionieren der Waffensysteme war es möglich, den eigenen Status als Systemverantwortlicher in der Kampfbesatzung, aber auch den Stellenwert der Einheit innerhalb des Verbandes zu dokumentieren. Positive wie negative Ergebnisse konnten durchaus die Karriere der Soldaten in unvorhergesehener Weise beeinflussen und entschieden neben anderen Kriterien auch über die Übernahme zum Zeit- und zum Berufssoldaten.
Neben der ORE gab es weitere unzählige Überprüfungen auf Staffel-, Bataillons- und Regimentsebene. Insgesamt waren es pro Jahr, wie einmal der Batteriechef der 2./FlaRakBtl 24 für seine Einheit ausgerechnet hatte, über 180 verschiedene. Die Bandbreite reichte von den Einsatzbereitschaftsüberprüfungen über die Technischen Materialprüfungen bis zur Personalbesichtigung. Für sämtliche dieser Überprüfungen wurde entsprechender Aufwand getrieben, um Sanktionen für schlechte Ergebnisse zu vermeiden. Insbesondere "nervig" war es, dass viele dieser Überprüfungen unangekündigt durchgeführt wurden und man oft im wahrsten Sinne des Wortes von diesen "im Schlaf überrascht" wurde.

Das Annual Service Practising (ASP) oder: das Jahresschießen

Neben der TACTICAL EVALUATION – kurz TAC EVAL – war das Jahresschießen das zweite herausragende Ereignis im FlaRak-Jahr. Mit der Nutzung des neuen Schießplatzes NAMFI (NATO Missile Firing Installation) auf der Insel Kreta wurde den KBs deutlich mehr Zeit eingeräumt, sich auf diese Prüfung vorzubereiten.
Bis zu drei Monaten dauerte die Übungsphase und natürlich durften nur die besten der Besten die Einheit auf Kreta vertreten. Für die Beteiligten bedeutete dies neben der besonderen Ehre Teilnehmer zu sein, in erster Linie mehr Dienst leisten zu dürfen. Schichtfrei, in den Siebzigern sowieso noch eine "Kann-Bestimmung", wurde häufig genug durch zusätzliche Ausbildung ersetzt. Trotzdem empfanden alle die Nominierung für das Jahresschießen gleichsam als Ritterschlag. Um ganz sicher zu gehen, besetzten Chef und Zugführer Dienstposten für Mannschaften oft genug mit Unteroffizieren und solche für Unteroffiziere meist mit Feldwebeln. Expertise, Erfahrung und Nervenstärke waren gefragt. Mit 2000 Punkten – gleich 100 Prozent – ging man nach Kreta, mit entsprechend weniger kam man zurück. Auch wenn die offiziell zu meisternde Hürde bei zirka 80 Prozent lag, so waren weniger als 95 Prozent als Jahresschießergebnis völlig unzulänglich. Dabei war es wirklich keine Kleinigkeit, die Überprüfung mit einem so herausragenden Ergebnis zu bestehen, weswegen auch immer aufs Neue wie besessen geübt wurde. Die zu Hause gebliebenen fieberten mehr noch als die Schießcrew dem amtlichen Endergebnis entgegen, hatten sie doch keinerlei Einflussmöglichkeiten auf das Ergebnis, mussten aber doch bei einem Fehlschlag genauso unter dem vermeintlichen Misserfolg leiden. Wurde einmal eine Einheit mit über 98 Prozent bewertet – wozu nicht nur Leistung und Können, sondern auch Glück und das Wohlwollen der Prüfer und der so genannten Permanent Party (für das Waffensystem letztlich verantwortliche griechische Wartungstechniker) notwendig waren – so fiel die anschließende Missile-Away-Party entsprechend überschwänglich aus.

Die Einsatzstellung – Ein zweites Zuhause

Die Stellungsbereiche der FlaRak-Truppe zeichneten sich insbesondere durch schnörkellose Architektur aus. Normbauten – ursprünglich weiß, später von außen NATO-oliv-grün gestrichen – boten neben Büro- und Betriebsraum auch Platz für Ruhe- und Aufenthaltsräume. Meist lagen die Stellungsbereiche in ländlichen Gebieten, da dort die Grundstückspreise entsprechend niedrig waren. Was für ehemals als mobile, später aber zunehmend stationäre NIKE-Einheiten beachtet wurde, war ausreichende Radar-Sicht und die Überlappung der Wirkungsbereiche, die für den lückenlosen FlaRak-Gürtel entlang der innerdeutschen und der tschechischen Grenze unverzichtbar waren. Wo die Radar-Sicht dennoch fehlte, wurden Erdwälle aufgeschüttet oder aber Türme gebaut, auf denen die Radar-Geräte aufgestellt wurden.
Schnell jedoch wurden zumindest die Aufenthaltsräume den Bedürfnissen der Truppe angepasst. Finanziert aus Spenden oder über die Standortverwaltungen entstanden so, zum Teil recht wohnliche Bereiche. Auch privates und noch intaktes Mobiliar wurde mitgebracht, um ein wenig mehr Behaglichkeit zu erzeugen. Auch der Bau von Holzhütten, Blockhäusern und Grillplätzen verschönerten den Aufenthalt für die Kampfbesatzungen genauso wie das Anpflanzen von Büschen und Bäumen. Die Stellungsbereiche, die über einen Teich verfügten, meist entstanden durch den Erdaushub für den RADAR-Wall, konnten sich zusätzlich glücklich schätzen – im Sommer diente er zum Baden, im Winter zum Schlittschuhlaufen. Bastler von Schiffsmodellen hatten dadurch ein hervorragendes Revier für ihr Hobby in der zwar spärlichen, aber doch gewährten Freizeit während des Schichtdienstes in der Einsatzstellung. Auch Bolzplätze wurden durch Truppenselbstbau erstellt. Insgesamt wurden alle Möglichkeiten genutzt, das "Heim" der Kampfbesatzungen aufzupeppen, was so manches Mal zu verblüffenden Ergebnissen führte.

Der Dienst hat Vorrang – auch vor privaten Problemen und Kümmernissen. Es gehörte einfach dazu, auch den vierten Geburtstag in Folge auf Schicht zu verbringen, die Silberhochzeit der Eltern zu versäumen oder von der Geburt des eigenen Kindes über das Telefon zu erfahren, weil man Dienst hatte. Mit Glück fand man einen Kameraden aus der Nähe, der einen bei besonderen Anlässen ablöste und auch mal eine ganze Woche lang auf Schicht blieb. Diesen Gefallen erwies man ihm natürlich bei Bedarf ebenfalls. Meist wurden die Schichtpläne schon für drei Monate im Voraus geschrieben, unabhängig natürlich von kurzfristigen, unvorhersehbaren Ausfällen, wie bei einer akuten Erkrankung, wussten daher alle, was auf sie zukam und wann sie dran waren. Von einer Kampfbesatzung zur anderen wechseln, das tat man ungern und nur gezwungenermaßen, war man doch mit seinen Schichtkameraden meist so sehr zusammengewachsen, dass sich daraus so manches Identifikationsproblem hinsichtlich des Dienstes in einer anderen KB ergab. Freundinnen, Ehefrauen und solche in spe mussten sich darauf einstellen, immer nur eine Beziehung auf Zeit zu führen und wieder und wieder auf ihre Männer verzichten zu müssen. Viele Beziehungen verkrafteten auf Dauer diese Belastung nicht, was sowohl daran lag, dass die Partnerinnen sich im Stich gelassen fühlten aber auch daran, dass viele Soldaten überzogene Erwartungen an das Schichtfrei stellten und ihre Frauen damit überforderten. Auch diejenigen – zum Teil über Monate dauernden – Auslandslehrgänge, zu denen die Ehefrauen und Partnerinnen nicht mitgenommen werden konnten, belasteten die Beziehungen der Paare ungemein. Partnerschaften die dennoch in der Ehe mündeten und die Belastungen aushielten, schätzten sich glücklich, auch wenn es bei den harten FlaRak-Soldaten selbstverständlich verpönt war, dies auch nur ansatzweise anzudeuten.

 Autor: Reiner Pumplun und Heino Huenken  /Quelle: www.Luftwaffe.de