Die Sauerlandkaserne (ein Bericht aus dem Jahre 1997) 

Wenn man von Cobbenrode auf der Bundesstraße 55 über die Schwartmecke in Richtung Oedingen fährt, so sieht man rechterhand auf einem Plateau (der Endert ) eine Ansammlung von großen Wohnblöcken  - die Sauerlandkaserne. Der Ortsfremde, der seinen Weg entlang der B 55 gewählt hat, fragt sich spätestens bei Erreichen der Ortschaft Oedingen, was wohl eine Kaserne an diesen Standort brachte, denn ein strategischer Nutzen ist nicht augenfällig.

Als diese Standortwahl am Ende der 50er Jahre in Oedingen durch das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) publik wurde, gab es zu Recht erstaunte Reaktionen in Oedingen und den umliegenden Gemeinden. Es sind keine große Abneigungen zu diesem Projekt bekannt, wohl aber langatmige Verkaufsverhandlungen um die Grundstücke für die Kaserne und die dazu benötigten Stellungen am Buchhagen und am Hirtenberg.

Was führte zu der Standortwahl ? Um diese Frage zu beantworten muß man sich die politische Situation der Nachkriegszeit und der 50er Jahre noch einmal vor Augen führen.

Deutschland war als Resultat des Zweiten Weltkrieges geteilt. An der deutsch - deutschen Grenze standen sich Ost und West mit verschiedenen Ideologien gegenüber. Der sogenannte Kalte Krieg, der Korea-Krieg und nicht zuletzt der niedergeschlagene Aufstand der Ungarn beherrschten die Politik. Die Sowjetunion als Führer des Ostblocks war im Besitz von Atom- und Wasserstoffbomben, die zusammen mit einem riesigen Arsenal von Flugzeugen und Raketen ein hohes Bedrohungspotential gegen den Westen darstellte. Die Strategie des Westen unter der Führung der USA setzte damals auf massive Vergeltung. Das bedeutete, daß dem Osten geeignete Mittel entgegengesetzt werden mußten, um eine hohe Abschreckung zu erreichen. 

So wurden unter anderem Flugabwehrraketensysteme entwickelt, welche in ihrer Wirkung in Höhe und Tiefe gestaffelt den gesamten zu schützenden Luftraum abdeckten. Dieser Luftverteidigungsschirm war durch das westliche Verteidigungsbündnis (NATO) von Norwegen bis zur Türkei installiert und am dichtesten bei uns in Deutschland (Central Region). Für den Standort dieser Waffensysteme waren Reichweite und Radarsicht ausschlaggebend. Wichtig war sicher  auch der Gedanke der Förderung von strukturschwachen Gebieten. 

1959 gab das BMVg den betroffenen Kommunen seine Auswahl bekannt. Der Bau der Kaserne und der Stellungen wurde in den Jahren 1960 bis 1962  durchgeführt, und das Waffensystem und die Soldaten verlegten von ihrem Zwischenstandort Köln-Wahn bis zum August 1962 nach Oedingen. Die Sauerlandkaserne, ihren Namen bekam sie im Jahre 1967, beheimatete nun die 1. Batterie des Flugabwehrraketenbataillon 22 (militärisch kurz: 1./FlaRakBtl 22). 

Das stationierte Waffensystem war NIKE - Ajax und später die Weiterentwicklung NIKE - Hercules. Diese Systeme hatten die Aufgabe feindliche Flugziele in mittleren und großen Höhen zu orten, zu identifizieren und zu bekämpfen.

Das Waffensystem NIKE - Hercules war zudem noch nuklear bestückbar und konnte seinen Gefechtskopf im Boden-Boden-Einsatz bis 180 km weit tragen. Die Kontrolle über diese nuklearen Gefechtsköpfe hatten die US-Amerikaner. Diese Aera endete mit dem Abzug im Jahre 1987
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Mit der Stationierung der Soldaten gingen Veränderungen im sozialen und wirtschaftlichem Leben einher, und der Name Oedingen wurde nicht nur in Deutschland bekannter. So wurden Arbeitsplätze beim Bau der Kaserne und später beim Betrieb geschaffen. Zivile Mitarbeiter wurden als Diensthundeführer, als Kraftfahrer, im Fernmelde- und Schreibdienst sowie bei der Standortverwaltung gebraucht. Zur Erhaltung der Infrastruktur flossen im Laufe der Jahre viele Millionen Mark in das Standortgebiet. Bäckereien, Metzgereien und andere Lebensmittellieferanten fanden in der Kaserne einen neuen Kunden.

 Die Soldaten selbst belebten den Handel, indem sie mit ihren Familien als Kunden in den Geschäften und Firmen auftraten. Wohnungen wurden gebaut. Viele einheimische Frauen fanden unter den Soldaten ihren Ehepartner. Viele Soldaten blieben nach ihrer Dienstzeit im Raum Oedingen. Junge Männer fanden als Wehrpflichtige in der Sauerlandkaserne eine heimatnahe Verwendung. Der Name Oedingen ging mit seinen Soldaten bei Versetzungen und Kommandierungen durch ganz Deutschland und in das Ausland. 

Oedinger Soldaten waren auf der Insel Kreta und in den USA. Die Oedinger Kaserne ist bei allen NATO-Mitgliedern bekannt. Viele Nato-Staaten-Angehörige waren zu Gast in Oedingen.

Die Personalstärke erreichte in den Jahren 1986 / 87 mit 506 ihren Höhepunkt. Nach Abzug der Amerikaner und nach Abschaffung des Waffensystems NIKE-Hercules schrumpfte das Personal mit dem Nachfolgesystem PATRIOT auf unter 100 Soldaten. Mit der Einführung des neuen Waffensystems war nun die 5. Staffel der Flugabwehrraketengruppe 21 (5./FlaRakGrp 21) in der Kaserne zu Hause

Als im Jahre 1990 der Kalte Krieg mit der Wiedervereinigung Deutschlands zu Ende war und die Politiker die Streitkräfte reduzieren konnten, wurde auch die Sauerlandkaserne in die bange Standortfrage einbezogen. Heute (1997) ist noch geplant den Standort Oedingen zu erhalten und das Personal von einem anderen Standort inklusive des dazugehörenden Waffensystem zusätzlich nach Oedingen zu stationieren (Zentralisierung).



Als ein weitere Auswirkung der Abrüstung und Reduzierung ist die Möglichkeit der Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern in der Sauerlandkaserne zu benennen.

Die durch die Reduzierung des Personals frei gewordenen Gebäude wurden von der Stadt Lennestadt in ein Wohnheim umgebaut und dienen nun etwa 80 Menschen als Unterkunft. 

Was einmal aus der Sauerlandkaserne werden mag, kann heute nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Wünschenswert ist eine weitere Nutzung durch die Bundeswehr und der Fortbestand der innigen Verbundenheit zwischen den Soldaten und dem Standort Oedingen.                                                         

                              Hauptmann August Freimuth, Dezember 1997 für die Chronik der Ortschaft Oedingen

 

 

Die Sauerlandkaserne (ein Bericht aus dem Jahre 2005) 

Das war, wie das Datum zeigt, der Stand der Dinge im Jahre 1997. Seit dem hat sich einiges geändert.

Die angestrebte Zentralisierung  - die Einheit aus Waldbröl (6./21) wird zusätzlich nach Oedingen verlegt -  kam nicht zustande. Im Zuge der Einsparmaßnahmen der Bundesregierung blieb der Finanzminister erst recht nicht vor dem Verteidigungshaushalt stehen. Und so folgte eine Strukturplanung/Maßnahme an die andere. Alle hatten das Ziel zu Sparen; koste es was es wolle. Von den über 600 Kasernen/Standorten in der Bundesrepublik sollen zum Schluß aller Maßnahmen noch ca. 400 bleiben.

Alle Waffengattungen wurden betrachtet und im Mai des Jahres 2002 wurde beschlossen die FlaRak-Waffe total umzustrukturieren. Die Waffensysteme ROLAND und HAWK werden abgeschafft und das Waffensystem PATRIOT wird in seiner Anzahl verkleinert. Die verbleibenden Staffeln werden umgegliedert und an zentralen Standorten zusammengefasst.

Diese Nachricht erreichte die Oedinger Soldaten während einer Übung auf dem Truppenübungsplatz Heuberg (Schwäbische Alp). Man hatte es erwartet. Zu viele Anzeichen im Vorfeld sprachen dafür. Und so kam es, das die 5. Staffel der Flugabwehrraketengruppe 21 mit Ende des Jahres 2002 von Oedingen Abschied nahm und nach Mengeringhausen / Bad Arolsen in die Prinz-Eugen-Kaserne verlegte.

Dieses kam nahezu einem Schadensfall gleich, da man schon einige Monate später im Zuge einer weiteren Strukturmaßnahme das gesamte FlaRak-Geschwader 4 zur Auflösung orderte. Die drei verbleibenden FlaRak-Geschwader sollen in Husum (Schleswig-Holstein), Bad Sülze (Mecklenburg-Vorpommern) und Erding (Bayern) stationiert werden.

Und wieder hieß es Umziehen. Für die ehemalige Oedinger Einheit war Bad Sülze als Geschwaderstandort ausgesucht.

Aber das war noch nicht das Ende der Reformen. Die FlaRak-Gruppen werden noch mal reduziert. Sie verkleinern von nun fünf Staffeln auf vier Staffeln. Somit ist die Oedinger Patriot-Staffel dann aufgelöst. Verbleibt uns noch als Trost die 1./22 die als Name und mit dem Häschen im Wappen in Bayern bisher überlebt hat.

Was aber geschah mit der Liegenschaft der ehemaligen Sauerlandkaserne? Nun wie bei allen aufgegebenen öffentlichen Liegenschaften kam auch hier eine Phase der Plünderung. Nur durch aufmerksame Bürger und vielleicht dem Umstand des Abseitsliegen wurde die Liegenschaft vor Schlimmsten bewahrt. Seit November 2004 wird in der alten Kaserne wieder gebaut. Ein Sägewerkbesitzer aus dem heimischen Saalhausen hat die Ex-Sauerlandkaserne gekauft und richtet ein neues Holzverarbeitungswerk hier ein. Von den Gebäuden sollen zum Schluß des Umbaus noch die Wache, das alte US-Gebäude (spätere Stov), das Fw/Offz-Wohnheim und die Kfz-Hallen sowie die Turnhalle stehen.

Was mit dem alten Abschussbereich (NIKE)/späterem Lagerbereich (PATRIOT) sowie dem alten Feuerleitbereich (NIKE)/späteren Friedenseinsatzstellung (PATRIOT) werden wird ist mir bisher nicht bekannt. 

 

                                                                                          Hauptmann a.D. August Freimuth, Juli 2005